Was ist Mundtrockenheit und wie schützt Speichel den Mund?
Ein trockener Mund (Xerostomie) ist das Gefühl eines Speichelmangels – entweder, weil die Speicheldrüsen weniger Speichel produzieren, oder weil sich die Zusammensetzung des Speichels verändert. Speichel ist nicht nur ein Gleitmittel, sondern das wichtigste natürliche Abwehrsystem der Mundhöhle. Das Verständnis seiner Funktionen ermöglicht es, die Folgen einer Xerostomie einzuschätzen und gezielte Maßnahmen zu ergreifen. Auf den trockenen Mund abgestimmteMund hygieneprodukte sowie Produkte zur Kariesprophylaxe sind im Shop erhältlich.
- Physiologische Funktionen des Speichels: Befeuchtung (erleichtert das Kauen, Schlucken und Sprechen) – Säureneutralisierung (pH-Wert im Mund wird durch Speichelbikarbonate gepuffert – ohne Speichel versauert der pH-Wert nach den Mahlzeiten schnell) – Remineralisierung des Zahnschmelzes (im Speichel vorhandene Kalzium- und Phosphat-Ionen lassen den demineralisierten Zahnschmelz wieder auskristallisieren) – antibakterielle Wirkung (Lysozym, Lactoferrin, sekretorisches IgA, Histatine – antivirale und antimykotische Proteine) – mechanische Selbstreinigung (entfernt Speisereste und Bakterien)
- Normale Speichelproduktion: 1 bis 1,5 lSpeichel pro Tag, produziert von 3 Paaren Hauptspeicheldrüsen (Parotis – Submandibularis – Sublingualis) + Hunderten von akzessorischen Speicheldrüsen – unstimulierter Speichelfluss: 0,3–0,4 ml/min – stimulierter Speichelfluss (Kauen): 1–2 ml/min – nachts sinkt der Speichelfluss auf nahezu null → normaler und vorübergehender morgendlicher Mundtrockenheit
- Hyposialie vs. Xerostomie: Hyposialie bezeichnet die messbare Verringerung des Speichelflusses (< 0,1 ml/min im Ruhezustand) — Xerostomie ist das Gefühl eines trockenen Mundes, das bei normalem Speichelfluss (bei veränderter Speichelzusammensetzung) oder ohne subjektive Symptome trotz verminderten Speichelflusses auftreten kann — beide gehen nicht immer einher
- Speichelfluss und Alter: Der Speichelfluss nimmt ohne Vorliegen einer Erkrankung mit zunehmendem Alter physiologisch nicht ab — Xerostomie bei älteren Menschen ist fast immer iatrogen (durch Medikamente bedingt) — Menschen über 65 Jahre nehmen im Durchschnitt 4 bis 7 Medikamente pro Tag ein, von denen viele anticholinerge oder sympatholytische Wirkungen auf die Speicheldrüsen haben
Was sind die Ursachen für Mundtrockenheit?
- Medikamente – häufigste Ursache (40 % der Xerostomie-Fälle): Mehr als 400 Medikamente haben eine nachgewiesene speichelhemmende Wirkung — am häufigsten betroffene Wirkstoffklassen: trizyklische Antidepressiva und SSRI — Antihistaminika (Allergie, Schnupfen) — Herz-Kreislauf-Medikamente (Diuretika, Betablocker, Kalziumkanalblocker) — Antipsychotika — Opioide — Antiepileptika — Medikamente gegen Harninkontinenz (Anticholinergika) — Nasensprays — die gleichzeitige Einnahme mehrerer anticholinerger Medikamente verstärkt die Wirkung
- Sjögren-Syndrom: Autoimmunerkrankung (T-Lymphozyten greifen die exokrinen Drüsen an – Speichel- und Tränendrüsen) – betrifft vor allem Frauen ab 40 Jahren – klassische Trias: schwere Xerostomie + Xerophthalmie (trockene Augen) + chronische Müdigkeit – der Mundtrockenheit bei Sjögren-Syndrom ist dauerhaft, intensiv und lässt sich durch die üblichen Substitute nicht lindern – Diagnose: Anti-SSA/SSB-Antikörper + Biopsie der akzessorischen Speicheldrüsen – spezialisierte rheumatologische Behandlung
- Strahlentherapie im Hals- und Gesichtsbereich: Die im Bestrahlungsfeld liegenden Ohrspeicheldrüsen sind sehr strahlenempfindlich — irreversible Schädigungen der sekretorischen Azini ab 30 Gy — schwere und dauerhafte Xerostomie bei 50–80 % der wegen HNO-Krebs behandelten Patienten — Massives Risiko für Strahlenkaries (rasante Karies an allen Zähnen innerhalb weniger Monate) — Intensive Fluoridierung und präventive Zahnpflege vor Beginn der Strahlentherapie
- Weitere Ursachen: schlecht eingestellter Diabetes (Polyurie + Dehydrierung + Polyneuropathie der Speicheldrüsen) — Dehydrierung (unzureichende Flüssigkeitszufuhr, intensive körperliche Betätigung, Durchfall, Erbrechen) — chronische Mundatmung (offener Mund während des Schlafs — Schnarchen, Apnoe) — Tabak und Alkohol (gefäßverengende und reizende Wirkung auf die Schleimhäute)
Welche gesundheitlichen Folgen hat Mundtrockenheit?
- Beschleunigte Zahnkaries: Ohne die säureneutralisierende und remineralisierende Wirkung des Speichels entwickelt sich Karies ungewöhnlich schnell – Strahlenkaries (nach einer Strahlentherapie) befällt innerhalb weniger Monate alle Zahnoberflächen – bei schwerer Xerostomie treten Zahnhalskaries (am Zahnhals) und Schneidekantenkaries auf — Stellen, die normalerweise geschützt sind — siehe Seite „Kariesprävention“
- Orale Candidose (Soor): Speichel wirkt antimykotisch (Histatine) – ohne Speichel vermehrt sich Candida albicans auf der Schleimhaut und den Zahnersatz — weißer Belag, der sich durch Abkratzen von Zunge und Wangen entfernen lässt — zu behandeln mit lokalen (Amphotericin B) oder systemischen (Fluconazol) Antimykotika — siehe Seite „Candidosen“
- Mundgeruch: Speichel beseitigt anaerobe Bakterien, die VSC (flüchtige Schwefelverbindungen) produzieren – ohne Speichel vermehren sich diese Bakterien, insbesondere nachts – Xerostomie = systematischer und oft starker morgendlicher Mundgeruch – siehe unsere Seite zu Mundgeruch
- Gingivitis und Parodontitis: Ohne die entzündungshemmende und antibakterielle Wirkung des Speichels sammelt sich bakterieller Zahnbelag schneller an – das Zahnfleisch entzündet sich und blutet – das Risiko einer Parodontitis ist bei chronischer Xerostomie um ein Vielfaches erhöht
- Funktionsstörungen: Schwierigkeiten beim Kauen trockener Lebensmittel (Brot, Fleisch) – Schluckbeschwerden (Dysphagie) – Stimmstörungen (trockene Stimme, klebriger Mund) – Unmöglichkeit, eine herausnehmbare Zahnprothese zu tragen (Speichel dient als Haftfilm für Prothesen)
Welche Lösungen gibt es zur Linderung und Behandlung von Mundtrockenheit?
- Speichelersatzmittel: Sprays, Gele, Mundspülungen und Lutschtabletten auf Basis von Carboxymethylcellulose, Mucin, Hyaluronsäure oder Xanthan-Gel — sofortige Befeuchtung und Hydratisierung der Schleimhaut — Wirkdauer 1–4 Stunden — vor den Mahlzeiten und über Nacht anzuwenden — Formulierungen mit Kalzium und Phosphat remineralisieren zudem den Zahnschmelz
- Anregung des Restspeichelflusses: Kaugummis und Lutschtabletten mit Xylitol (mechanische Stimulation + antibakteriell + karieshemmend) — Akupunktur (einige Studien zeigen eine Steigerung des Speichelflusses bei strahleninduzierter Xerostomie) — verschreibungspflichtige speichelfördernde Medikamente: Pilocarpin (Salagen) und Cevimelin — nur bei schwerer Xerostomie (Sjögren-Syndrom, nach Strahlentherapie) — Nebenwirkungen: Schweißausbrüche, Übelkeit, Bradykardie
- Maßnahmen zur Mundhygiene und Ernährung: täglich 1,5–2 Liter Wasser in kleinen, regelmäßigen Schlucken trinken — die Luft im Schlafzimmer befeuchten (insbesondere im Winter, da die Heizung die Luft austrocknet) — Alkohol, Kaffee, Tabak, alkoholhaltige Mundspülungen — trockene, salzige und scharfe Speisen vermeiden — feuchte Konsistenzen bevorzugen (Soßen, Brühen, saftiges Obst) — durch die Nase atmen (eine verstopfte Nase bei Bedarf behandeln)
- Ergänzende Naturheilmittel: Aloe-Vera-Gel für den Mund (spendet Feuchtigkeit und beruhigt die Schleimhaut) – Rosenwasser (mild adstringierend + feuchtigkeitsspendend) — Ingwer (regt die Speicheldrüsen an, erhältlich als Aufguss oder Kräutertee) — Sesam- oder Kokosöl zum Ölziehen (umhüllt die Schleimhaut und befeuchtet sie) — pflanzliches Ringelblumenöl zur Anwendung (filmbildende Wirkung)
- Verstärkte zahnärztliche Überwachung: Bei chronischer Mundtrockenheit sollten die zahnärztlichen Kontrolltermine verkürzt werden (alle 3–6 Monate) — verstärkte topische Fluoridierung (nächtliche Fluoridschienen mit 5.000 ppm) — Zähneputzen mit fluoridhaltiger Zahnpasta (mindestens 1.450 ppm), dreimal täglich — Produkte aus dem Bereich der Mundhygiene