Was ist Leberinsuffizienz und wie lässt sie sich klassifizieren?
Unter Leberinsuffizienz versteht man den teilweisen oder vollständigen Verlust der Funktionsfähigkeit der Leber – Stoffwechsel, Entgiftung, Proteinsynthese und Blutgerinnung. Es handelt sich um eine schwerwiegende Erkrankung, die eine spezialisierte hepatologische Betreuung erfordert. Arnaud, Doktor der Pharmazie, weist darauf hin, dass bei nachgewiesener Leberinsuffizienz kein Nahrungsergänzungsmittel eine medizinische Behandlung ersetzen kann. Siehe unseren Hub zu Lebererkrankungen.
- Akutes Leberversagen (ALV): plötzliches Auftreten bei zuvor gesunder Leber — TP < 50 % + Enzephalopathie < 8 Wochen — Transplantationsnotfall — Hauptursachen: Paracetamol-Überdosierung (70 % der AHI-Fälle in Frankreich), fulminante Virushepatitis, giftige Pilze (Amanita phalloides)
- Chronisches Leberversagen (CLF): fortschreitende Verschlechterung bei einer erkrankten Leber — kompensierte, dann dekompensierte Zirrhose — Alkohol, chronische Hepatitis B/C, NASH, chronische Cholestase
- Akutes Leberversagen auf chronischer Grundlage (ACLF): plötzliche Dekompensation bei einem Zirrhotikum – Infektion, Blutung, Alkohol – hohe kurzfristige Sterblichkeit
- Wesentliche Leberfunktionen: Synthese von Gerinnungsfaktoren (TP/INR), Albumin, Bilirubin, Arzneimittelstoffwechsel, Ammoniakentgiftung (→ Enzephalopathie bei Versagen)
- Biologische Marker für den Schweregrad: TP < 50 % + Faktor V < 50 % = Kriterien für eine Notfalltransplantation — Bilirubin + TP + Kreatinin = MELD-Score (Prognose)
Symptome, Komplikationen und Notfälle
- Gelbsucht: fortschreitende Gelbfärbung von Haut und Augen – Anreicherung von Bilirubin – siehe unsere Seite zur Gelbsucht
- Hepatische Enzephalopathie: Anreicherung von Ammoniak (das nicht von der Leber abgebaut wird) → neurologische Störungen – Asterixis (Flapping-Tremor), Verwirrtheit, Desorientierung, Koma – Stadien I bis IV
- Gerinnungsstörungen: Mangel anden Faktoren II, V, VII, X und Fibrinogen → erhöhte Blutungsneigung, Blutergüsse, Blutungen – stark gesunkene TP
- Aszites: Hypoalbuminämie + portaler Bluthochdruck → Flüssigkeitsansammlung im Bauchraum — Punktion zur Entleerung bei großem Flüssigkeitsvolumen
- Absolute Notfälle: Enzephalopathie im Stadium III–IV + TP < 30 % → Notruf 15 — Paracetamol-Vergiftung → N-Acetylcystein i.v. dringend + CPRE, wenn die Vergiftung weniger als 24 Stunden zurückliegt
Behandlungen, zu vermeidende Medikamente und Ernährungsunterstützung
- Paracetamol: strikte Einhaltung der Höchstdosis — 2 g/Tag (im Vergleich zu 4 g/Tag bei gesunden Personen) bei chronischer Lebererkrankung — akute Vergiftung → N-Acetylcystein i.v. als Antidot — niemals NSAR (hepatotoxisch, nephrotoxisch)
- Zu vermeidende hepatotoxische Medikamente: Tuberkulose-Medikamente (Isoniazid), Methotrexat, bestimmte Antibiotika (Amoxicillin-Clavulansäure), Statine in hohen Dosen, Amiodaron — jede Lebererkrankung dem verschreibenden Arzt melden
- Ernährung bei Leberinsuffizienz: Eiweiß 1,2–1,5 g/kg/Tag (nicht einschränken – Mythos der Eiweißrestriktion bei Leberzirrhose) – auf 5–6 Mahlzeiten aufteilen – proteinreiche Nachtmahlzeit (begrenzt den nächtlichen Katabolismus)
- Zink: nahezu universeller Mangel bei Leberzirrhose – Rolle im Ammoniakstoffwechsel – 25–45 mg/Tag als unterstützende Supplementierung
- Vitamin D3: Sehr häufiger Mangel bei chronischen Lebererkrankungen (beeinträchtigte Synthese in der Leber) – 1.000–2.000 IE/Tag unter serologischer Kontrolle
Lebertransplantation, Nachsorge und Prävention
- Lebertransplantation: einzige kurative Behandlung bei terminaler Leberinsuffizienz – King’s-College-Kriterien (IHA) oder MELD > 15 (IHC) – nationale Warteliste der Agence de la Biomédecine – 5-Jahres-Überlebensrate: 75–80 %
- Mariendistel (Silymarin): leberschützend — Antioxidans für die Leberzellen — Unterstützung bei leichter bis mittelschwerer chronischer Lebererkrankung in Kombination mit medikamentöser Behandlung — ärztliche Beratung zwingend erforderlich — darf niemals eine spezialisierte Behandlung ersetzen
- Vollständiger Alkoholverzicht: bei alkoholbedingter Lebererkrankung – zwingende Voraussetzung für die Aufnahme in die Transplantationsliste (nachgewiesene 6-monatige Abstinenz)
- Fachärztliche Nachsorge: hepatologische Untersuchung alle 3–6 Monate — Laboruntersuchung (TP/INR + ASAT/ALAT + Bilirubin + Albumin + Kreatinin + Blutbild) — Jährlicher Fibroscan — αFP + Ultraschall alle 6 Monate (CHC-Früherkennung)
- Impfungen: Hepatitis A + B sind für alle nicht immunisierten Patienten mit Leberzirrhose unerlässlich – Pneumokokken + jährliche Grippeimpfung (relative Immunsuppression)