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Niacin oder Niacinamid: Was sollte man wählen und wofür?

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Was ist Vitamin B3 und welche Form ist im Körper aktiv?

Vitamin B3 (Niacin) bezeichnet zwei Hauptmoleküle – Nikotinsäure und Nikotinamid (Niacinamid) –, die beide in den Zellen in NAD⁺ (Nicotinamidadenindinukleotid) und NADP⁺ umgewandelt werden. Diese Coenzyme leisten die eigentliche Arbeit: Sie transportieren Elektronen bei der Energiegewinnung und sind an über 400 enzymatischen Reaktionen im Körper beteiligt. Vitamin B3 ist unter den Vitaminen einzigartig, da der Körper es auch aus Tryptophan (einer Aminosäure) synthetisieren kann – allerdings ist diese Umwandlung ineffizient (60 mg Tryptophan → 1 mg Niacin). Für Niacinamid in der Kosmetik gibt es eine eigene Seite: Niacinamid. Die gesamte Gruppe der B-Vitamine ist im Shop erhältlich.

  • NAD⁺: der zentrale energetische Cofaktor: NAD⁺ ist unverzichtbar für die Glykolyse (Glukoseabbau), den Krebszyklus und die mitochondriale Atmungskette – ohne NAD⁺ können die Zellen kein ATP mehr effizient produzieren – NAD⁺ ist zudem das Substrat der Sirtuine (SIRT1–SIRT7) — Langlebigkeitsenzyme, die die DNA-Reparatur, Entzündungen und den Stoffwechsel regulieren — sein Spiegel sinkt mit zunehmendem Alter, was zu einem wachsenden Interesse an der Supplementierung mit NAD⁺-Vorläufern (NMN, NR) geführt hat
  • NADP⁺ und antioxidative Abwehr: NADP⁺ ist Cofaktor der Glutathion-Reduktase (die reduziertes Glutathion – das „Hauptantioxidans“ der Zelle – regeneriert) und der G6PD (Pentosephosphatweg – Bildung von NADPH) – Vitamin B3 trägt somit indirekt zum Schutz der Zellen vor oxidativem Stress bei
  • DNA-Reparatur: NAD⁺ ist das Substrat der PARP (Poly-ADP-Ribose-Polymerasen) – Enzyme, die DNA-Brüche nach UV-Bestrahlung oder Einwirkung mutagener Stoffe reparieren – ein B3-Mangel beeinträchtigt diese Reparatur → erhöhtes Mutationsrisiko
  • Empfohlene Tagesdosis (RDA) und Niacinäquivalente: RDA für Erwachsene: 16 mg Niacinäquivalente (NE)/Tag für Männer, 14 mg für Frauen — 1 NE = 1 mg Niacin = 60 mg Tryptophan aus der Nahrung — Schwangere: 18 mg NE/Tag
  • Unterschied zwischen den beiden Formen: Nikotinsäure (Niacin) — wirksam bei Cholesterin, verursacht Hitzewallungen (Flush), wird nicht in der Kosmetik verwendet — Nicotinamid/Niacinamid — keine Hitzewallungen, wird in der Kosmetik und als Standard-Nahrungsergänzungsmittel verwendet, senkt den Cholesterinspiegel bei üblichen Dosierungen nicht

Pellagra und B3-Mangel: eine vergessene Krankheit, die wieder auftaucht?

  • Pellagra – die „4-D“-Krankheit: Dermatitis (symmetrische, lichtempfindliche Hautveränderungen) – Diarrhoe – Demenz (Verwirrung, Halluzinationen) — Tod (bei Nichtbehandlung) — historisch verbunden mit der Ernährung auf Basis von nicht nixtamalisiertem Mais (unbehandelter Mais enthält unverdauliches gebundenes Niacin) — tritt nach wie vor bei benachteiligten Bevölkerungsgruppen und chronischen Alkoholikern in den Industrieländern auf
  • Wer ist heute von einem B3-Mangel bedroht?: chronische Alkoholiker (Alkohol blockiert die Niacin-Aufnahme und stört die Umwandlung von Tryptophan) — unterernährte Menschen oder Personen mit sehr restriktiver Ernährung — Karzinoid-Syndrom (Tumor, der Tryptophan in großen Mengen zur Serotoninproduktion verbraucht → weniger Tryptophan steht für Niacin zur Verfügung) – Hartnup-Krankheit (genetisch bedingte Störung der Tryptophan-Aufnahme) — Personen, die Isoniazid einnehmen (Tuberkulose-Medikament, das die Umwandlung von Tryptophan → Niacin blockiert)
  • Subklinische Anzeichen eines Mangels: anhaltende Müdigkeit und Energiemangel — Reizbarkeit und Konzentrationsschwierigkeiten — Verdauungsstörungen (Übelkeit, leichter Durchfall) – sonnenempfindliche Haut, die sich ungewöhnlich „schält“ – diese Anzeichen klingen bei einer B3-reichen Ernährung oder einer moderaten Nahrungsergänzung schnell ab
  • Feste Nahrungsquellen: rotes Fleisch und Geflügel (4–8 mg/100 g) — Thunfisch und Lachs (8–14 mg/100 g — Fisch gehört zu den besten Quellen) — Leber (10–16 mg/100 g) — Erdnüsse (14 mg/100 g) — angereichertes Vollkorngetreide — Pilze (4 mg/100 g) — Kaffee (nicht zu vernachlässigender Beitrag durch das beim Rösten freigesetzte Niacin)

Niacin und Cholesterin: eine komplizierte Geschichte

  • Niacin (Nikotinsäure) ist der wirksamste natürliche Wirkstoff auf das HDL: In pharmakologischen Dosen (1 bis 3 g/Tag) erhöht Niacin das HDL (gutes Cholesterin) um 15 bis 35 % — senkt die Triglyceride um 20 bis 50 % — senkt das LDL um 5 bis 25 % — Wirkmechanismus: hemmt die Lipolyse im Fettgewebe → weniger freie Fettsäuren gelangen in die Leber → geringere Produktion von VLDL und LDL – diese Dosierungen gelten nur für Niacin (Nikotinsäure), nicht für Niacinamid – ausschließlich unter ärztlicher Aufsicht
  • Der „Flush“ durch Niacin: Ab 100 mg verursacht Nikotinsäure Hitzewallungen (Rötung + Wärmegefühl + Juckreiz im Gesicht und am Rumpf) — Wirkmechanismus: Freisetzung von Prostaglandin D2 durch die Hautmastzellen — dauert 20 bis 60 Minuten — harmlos, aber unangenehm — wird gemildert durch: Einnahme zusammen mit einer Mahlzeit + Aspirin 30 Minuten vorher + Retardformulierungen — Niacinamid löst dieses Phänomen nicht aus
  • Formen mit verzögerter Freisetzung (LP): begrenzen den Flush, erhöhen jedoch das Risiko einer Hepatotoxizität (Vorsicht bei nicht ärztlich überwachten generischen LP-Formen) – Formen mit sofortiger Freisetzung weisen das beste Sicherheitsprofil für die Leber auf – unter ärztlicher Aufsicht verabreichte Formen mit verzögerter Freisetzung (Niaspan) sind validiert
  • Aktuelle klinische Studien: Die großen Studien (AIM-HIGH, HPS2-THRIVE) haben keinen zusätzlichen kardiovaskulären Nutzen von Niacin in Kombination mit Statinen bei bereits gut eingestellten Patienten gezeigt – Niacin bleibt eine Option für Patienten mit sehr niedrigen HDL-Werten, die Statine nicht vertragen, unter strenger kardiologischer Überwachung — Omega-3-Fettsäuren bleiben der natürliche Standard bei erhöhten Triglyceridwerten
  • Wichtige Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten: Statine + hochdosiertes Niacin → Risiko einer Myopathie oder Rhabdomyolyse — Antidiabetika → Niacin kann den Nüchternblutzucker erhöhen (Insulinresistenz) — Alkohol → verstärkt den Flush und das Leberrisiko — den Arzt stets über jede Niacin-Supplementierung informieren

Wie setzt man Vitamin B3 je nach Zielsetzung richtig ein?

  • Für Energie und bei Müdigkeit: Niacinamid 50–100 mg/Tag in einem B-Komplex — Synergie mit B12,Folsäure und Magnesium für die Energie-Coenzyme — Vitamin-B-Präparate aus der Apotheke
  • Für die Haut (orale Einnahme): Niacinamid 500 mg bis 1 g/Tag — reduziert die Talgproduktion — systemisch entzündungshemmend auf die Haut — Vorbeugung von Hautkrebs (Meta-Analyse zeigt eine Verringerung von aktinischen Keratosen und Basalzellkarzinomen bei Risikopatienten bei einer Dosierung von 500 mg × 2/Tag) — unterscheidet sich von der topischen Anwendung — die Seite zu Niacinamid beschreibt die kosmetischen Anwendungen
  • Bei Cholesterin (nur unter ärztlicher Aufsicht): Nikotinsäure 1 bis 3 g/Tag — nur angezeigt bei sehr niedrigem HDL-Spiegel oder schwerer, auf andere Behandlungen nicht ansprechender Hypertriglyceridämie — diese Dosierungen niemals selbst verschreiben — regelmäßige Leberwerteuntersuchung zwingend erforderlich — siehe Seite „Hypercholesterinämie“
  • Vorsichtsmaßnahmen bei Überdosierung: Niacinamid > 3 g/Tag → Übelkeit + mögliche Hepatotoxizität — Nikotinsäure > 3 g/Tag → Hepatotoxizität + Hyperurikämie (Risiko eines Gichtanfalls) + Insulinresistenz – die EFSA legt die Obergrenze für Niacinamid ohne ärztliche Überwachung auf 900 mg/Tag fest